Montag, 23. November 2015

Samt-Hosenanzug: Details zur Fertigung

Ich hatte versprochen, ein paar Details zur Fertigung meines Hosenanzugs aus dunkelgrünem Samt zu schreiben.
Und da Claudia sich als Weihnachtsprojekt eine schwarze Samthose (seufz, wenn DAS kein Must-have ist) ausgesucht hat, schiebe ich kurz etwas nach zu den Schwierigekeiten, die ich hatte.


Zu meinem Fehler beim Zuschnitt hatte ich hier bereits berichtet. Ich hatte den Samt mit der Strichrichtung und nicht dagegen zugeschnitten. Folge war, dass der Farbton nicht so satt rüberkommt sondern ein wenig heller und schimmernd. Es war aber NICHT so, dass der Blazer unter dem Mantel hochgekrabbelt ist, wie ich woanders gelesen habe. Puh, Entwarnung also diesbezüglich.
Ich muss sogar sagen, den etwas helleren Farbton nehme ich auch gern in Kauf, wenn ich dafür von oben nach unten an mir herunterstreichen kann und es weich und glatt ist und nicht borstig. Natürlich gehen spontane Fussel so auch besser ab. Andererseits: so ein volles sattes Dunkelgrün hat auch was.
Man kann also für sich Prioritäten setzen und danach den Zuschnitt richten.

Die Vorderteile habe ich mit der dünnen Gewebeeinlage 785 (ich hoffe, ich täusche mich nicht) unterlegt. Meine Lieblingsverkäuferin im Stoffladen nebenan meinte, das mache man mittlerweile so, vor allem einen an sich schon recht dicken Stoff müsste man nicht nochmal tierisch stabilisieren sondern kann mit der dünnen Einlage die Stellschrauben an Fall und Stabilität feinstellen.
Das war ein guter Rat, die Vorderteile fallen nicht zu steif und wirken in ihrer Festigkeit genau richtig.

Die Rückenteile habe ich nur im oberen Rücken mit der Einlage unterlegt. Das habe ich im Nachhinein bereut, aus folgendem Grund. Ich hatte den Eindruck, dass die Stoffmischung (60% Baumwolle, 40% Modal) zwar nicht dehnbar ist, aber beim Vernähen eigenartigerweise doch etwas faltig fallen kann. Im Vorderteil ist das durch die Gewebeeinlage vermieden worden, im Rückenteil ließen sich dadurch auch die Abnäher nicht so gut glattbügeln und leichte Verziehungs-Falten erscheinen beim Tragen. Aber das fällt nur auf, wenn man echt pingelig ist, glaube ich.


Die Ärmel habe ich nur am Saum unterlegt, soweit ich mich erinnere.

Auf die Klappentaschen bin ich sehr stolz, so sauber sind sie mir noch nie gelungen:




Wer hier genau hinsieht erkennt kleine Unregelmässigkeiten an der Kante zur vorderen Mitte.
Der Stoff, auch das schiebe ich auf die Zusammensetzung, war recht störrisch. D.h. trotz beherztem Bügeln war es schwierige glatt und in Form zu bügeln. Den vorderen Beleg habe ich natürlich mit einer Steppnaht auf der Nahtzugabe befestigt, was normalerweise dazu führt, dass sich die Naht von allein etwas nach innen rollt. Nicht so bei dem Stoff hier: die vordere Kante drehte sich immer nach außen und ließ den Beleg deutlich nach vorn treten, weshalb ich Vorderteil und Beleg mit "unsichtbaren" Handstichen zusammennähen musste. Naja, hier ist das zu sehen, weil ich das Bild aufgehellt habe, normalerweise ist das eigentlich einigermassen unauffällig.

Genäht habe ich tatsächlich häufig mit der Methode, die Lucy in ihrem Kommentar zu meiner Projektvorstellung vorschlug: links und rechts der Naht geheftet, dann genäht. Ich habe festgestellt, vorheften dauert gar nicht lange, und so war ich ganz froh, ein bisschen weißes Garn loszuwerden, was hier herumliegt und sonst nie benutzt wird.


So hat sich eigentlich nie was verschoben. Besonders beim Nähen von Futter auf Samt sollte man diese Methode benutzen, da sich hier ganz schnell beide Stoffschichten um mehrere Zentimenter verschieben, man mag es gar nicht glauben.

Ärmeleinsetzen war dafür, dass das sonst immer so eine Baustelle ist bei mir, ganz ok.
Ich habe wieder einen Volumenvlies-Streifen in die Armkugel geheftet.

Tschuldigung, hier weiß man ja wirklich nicht, wo oben und wo unten ist. Seht es als Rätsel.
Noch eine Erkenntnis seit einiger Zeit: Schulterpolster sind unverzichtbar!
Lange habe ich sie mit den kastigen 80er-Jahre-Silhouetten verbunden, aber man muss ganz klar sagen, dass sich der Sitz eines Blazers massiv verbessert mit den Dingern. Vermutlich liegt das daran, dass Blazer so konstruiert sind, dass man welche einsetzt.

Ich hatte von meiner befreundeten Dirndl-Designerin auch noch einige Schulterpolster bekommen. Die von ihr entworfene Mode betont die Schultern sehr, daher handelt es sich um echt hohe Keile!
Interessant fand ich die Aufmachung der Schulterpolster. Sie waren in Vlieseline eingebettet und hatten gleich ein Schulter-/Ärmelkäppchen dran. Super!


Außerdem befand sich oben und unten ein Stoffstreifen, an dem man die Schulterpolster in die Jacke nähen kann. Darin befanden sich zwei Lagen an Polstern, das obere weiße habe ich entfernt, damit meine Schultern schlussendlich nicht unterhalb meiner Ohren landen!


Das Futter habe ich nach der Methode von Mia Führer eingesetzt, den Schlitz nach Burda gefüttert. Überhaupt war das mein erster Schlitz, ist ok geworden.



Beim Blazer fallen die abermillion Fussel innen nicht auf, weil er gefüttert ist. Aber bei der Hose hatte ich nach Versäubern mit Zick-Zack-Stich Angst, dass es permanent unten aus den Hosenbeinen rieseln würde.

Also nähte ich "kurzerhand" - jetzt war es ja auch schon egal - einige Meter Schrägband aus dem Futterstoff, mit dem ich die Nahtzugaben nachträglich versäubern wollte.
Ihr könnt euch meine psychische Verfassung nach dem Zuschnitt und Bügeln vielleicht vorstellen.


Das ganze Versäubern im Nachhinein ist besser als Nichts, wird aber nicht besonders sauber.
Beim nächsten Mal würde ich diesem Punkt mehr Beachtung und Sorgfalt widmen und alles sofort so versäubern, bevor ich alles weiterverarbeite.


ja, die Fäden werde ich irgendwann noch abschneiden. Oder auch nicht.
Den Saum habe ich mit einem Saumbeleg versehen, damit waren ein paar Zentimeter an Länge gewonnen, und die Hosenbeine fallen so schön gerade und schwer, und der weite Saum hat eine angenehme Festigkeit und behält seine Form. Angenäht habe ich den Beleg dann mit händischem Blindstich.


Alles in einem hatte ich schon zwei super Auftritte mit dem Anzug, die Arbeit hatte sich gelohnt!
Ein paar Tragefotos gibt es hier

Vor drei Tagen war ich dann in München und habe u.a. die Jean-Paul-Gaultier-Ausstellung in der Hypo-Kunsthalle besucht. Sie geht übrigens noch bis zum 16.Februar 2016 und ist unbedingt zu besuchen, wenn es einem nur irgend möglich ist! Wahnsinn, beeindruckend, faszinierend, erschütternd kunstvoll in Design und Handwerk, das sind die Entwürfe des Modeschöpfers, der diesen Namen wirklich verdient. Von den Eindrücken, die ich dort gewonnen habe, werde ich noch lange zehren... (Und falls ich jemals geglaubt habe, ich könne Designer-Entwürfe nach meinem Gusto nachnähen, so wurde ich hier eines Besseren belehrt, an meine Grenzen erinnert und schön auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt.)

Auf dem Rückweg von der Ausstellung kam ich dann an einem Zara-Store vorbei, und was mussten meine Augen im Schaufenster sehen? Einen dunkelgrünen Samthosenanzug!!!
Vor meinem inneren Auge ratterten die Arbeitsstunden und der Aufwand für das Projekt ab, und ich widerstand klugerweise dem Drang reinzurennen, alle Anzüge von der Stange zu reißen und darauf herumzutrampeln. Stattdessen lachte ich nur hysterisch.
Naja, sicher sitzt meiner viiiel besser.

Liebe Grüße,
Nastjusha

Kommentare:

  1. Toller Beitrag! Und zu den Zara-Anzügen: du hattest offenbar den richtigen Riecher und hast einen kommenden Trend schon weit vorher erspürt! Sieh' es mal so. Und jetzt überlege ich, wie ich bis Mitte Februar noch nach München komme..

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  2. Wow, das ist ja mal wieder ein Meisterinnenstück! Und mit Zara ja wohl kaum zu vergleichen! Danke für den tollen Beitrag.
    Herzliche Grüße
    Sabine

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  3. Mußte mich gerade erst mal von meinem Lachanfall erholen..., bestimmt hat dich ein Trendscout von Zara in deinem Anzug herumspazieren gesehen und dann wurde dein Anzug schnell kopiert. Und ich bin mir sicher, dass dein Anzug perfekt an dir sitzt.
    Merci für deine ausführliche Arbeitsbeschreibung; macht ja doch auch viel Mühe; ich lese so etwas sehr gern.
    LG von Susanne

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    1. Haha, dachte ich auch gleich: die sind aber schnell im Kopieren....
      Dass deiner besser sitzt, davon bin ich mehr als überzeugt!
      Schöner Bericht, (aber ich glaube, Samt vernähe ich lieber nicht........)
      LG von Katharina

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  4. Dein Hosenanzug ist einem von Zara ganz sicher meilenweit überlegen. Ich habe meine Hose heute fertiggenäht.Ein Jacket würde ich aus Samt nicht nähen wollen, der ist schon ein bisschen störrisch. Wahrscheinlich würde da ein Obertransportfüsschen gute Dienste leisten.
    Deine Versäuberungsarbeit beeindruckt mich sehr, ich habe einfach mit der Overlock drübergerattert..
    Respekt fürs Durchhalten, der Hosenanzug ist ein Traum.
    LG,
    Claudia

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  5. Samt ist nicht ohne, bei mir ist mal ein Samtjäckchen mit Schößchen und Falten gründlich in die Hose gegangen. Dein Anzug sieht klasse aus, der von Zara hätte doch nichts getaugt, meinst Du da ist die Hose mit Schrägband versäubert? Außerdem haben die immer schreckliches Knisterfutter und nich so was hübsches edles wie bei deiner Jacke. Die Arbeit hat sich voll und ganz gelohnt viel Spaß mit dem Anzug.
    Liebe Grüße
    Julia

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  6. Dein Samtanzug ist wirklich ein Traum! Besonders in dieser schönen Farbe! Die viele Arbeit hat sich wirklich gelohnt! Ich glaube, den Samtstrich von oben nach unten würde ich auch bevorzugen, gerade wegen des Fusselwegstreichens. Hat die Hose denn eine andere Richtung? Toll auch Deine Beschreibung zur Saum- und Belegverarbeitung und den Tipp mit dem Zusammenheften. Ich bin immer sehr dankbar, wenn ich so detaillierte Arbeitsschritte nachlesen kann. ...auch wenn ich von einem eigenen Samtanzug Lichtjahre entfernt bin. Aber es erhöht das Verständnis, wie Kleidung funktioniert (bekommt man bei Kaufkleidung ja selten mit...). Ich wünsche Dir noch viel Vergnügen und viele tolle Komplimente mit Deinem Ensemble - und vielen Dank fürs berichten! Liebe Grüße von Mrs Go

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  7. Was für ein Abenteuer! Ein echt spannender Bericht:). Und der Ergebnis ist beeindruckend - Dein Anzug ist perfekt. Punkt!
    LG
    Ewa

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  8. Eine wunderschöner Anzug! Und vielen Dank für die vielen Tipps, hier liegt nämlich auch seit vielen Jahren ein dunkelblauer Samt im Lager. Vielleicht ist ja in diesem Jahr an der Reihe. Dass du schon mehrere tolle Auftritte damit hattest kann ich gut verstehen. Dein Anzug ist etwas ganz Besonderes, da kann ZARA sicher einpacken. Die Passform werden sie so nicht hinbekommen. LG Carola

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